Schwerer Corona-Fall: Wie Hans Ruhl im künstlichen Koma um sein Leben kämpfte

Mit flotten Schritten erklimmt Hans Ruhl (66) die Treppenstufen im Lauterbacher Krankenhaus, die ihn zu den Menschen führen, die ihn in den zurückliegenden Wochen Tag und Nacht begleitet haben, in denen er sich wegen einer Coronainfektion zwischen Leben und Tod befand. Heute wird er ihnen erstmals ganz bewusst begegnen und ihnen Danke sagen für alles ...

Arm in Arm und wieder glücklich vereint: Hans und Birgit Ruhl aus Berfa. Drei Wochen lang wurde der 66-Jährige hier auf der Intensivstation des Lauterbacher Krankenhauses künstlich beatmet. Foto: Kempf

Den Aufzug nehmen? Kommt für ihn überhaupt nicht in Frage! Mit flotten Schritten erklimmt Hans Ruhl (66) die Treppenstufen, die ihn zu den Menschen führen, die ihn in den zurückliegenden Wochen Tag und Nacht begleitet haben, in denen er sich wegen einer Coronainfektion zwischen Leben und Tod befand. Heute wird er sie treffen, ihnen erstmals ganz bewusst begegnen und ihnen Danke sagen für alles.

Eigentlich kennen sie ihn in- und auswendig, die Ärzte und Pflegekräfte, mit denen sich Hans Ruhl im Lauterbacher Krankenhaus verabredet hat. Doch jetzt in dem Moment des Wiedersehens ist die Situation für alle Beteiligten irgendwie unwirklich. "Normalerweise sehen wir unsere Patienten, wenn sie die Intensivstation verlassen, nicht wieder", fasst Krankenschwester Marie Schubert das zusammen, was ihre Kolleginnen und Kollegen denken. "Statt im OP-Hemd, können wir Sie jetzt mit normaler Bekleidung sehen. Es ist ungewohnt, aber schön, zu sehen, wie Sie gesund aussehen."

Auch wenn es in diesen Coronazeiten keinen festen Händedruck oder Umarmungen geben darf, ist es für Hans Ruhl in diesem Moment ganz wichtig, seinen Lebensrettern gegenüber zu treten und ihnen trotz Mundnasenschutz und Abstandsregeln nah zu sein. Denn nur sie wissen, was mit ihm in den zurückliegenden drei Wochen passiert ist, an die er selber fast keine Erinnerung hat und die seine Frau Birgit (61) hauptsächlich aus Telefonaten mit den behandelnden Ärzten kennt. Drei Wochen lang hatten die ihn ins künstliche Koma versetzt, hatte ein mechanisches Beatmungsgerät statt seiner geatmet. Wie er sich fühlt? "Fast wie neugeboren", flachst der Berfaer und seine Augen blitzen vor Freude über seiner rot-weiß-karierten Schutzmaske. Noch fehle es ihm an Muskelkraft und Ausdauer. "Aber das Essen schmeckt mir wieder, es geht aufwärts."

Das zu hören, freut nicht nur Krankenschwester Marie Schubert, die in den zurückliegenden Wochen ungezählte Stunden, Tag und Nacht, in Hans Ruhls Krankenzimmer verbracht hat. Auch Michael Schimanski, der pflegerische Leiter der Intensivstation, Dr. Ines Josek, die leitende Oberärztin, und Dr. Norbert Sehn, Chefarzt für die Bereiche Anästhesiologie und Intensivmedizin, freuen sich über ihren ehemaligen Patienten, den sie bleibend in Erinnerung behalten werden. "Dass er vor wenigen Tagen an uns vorbei selber aus der Intensivabteilung rausgelaufen ist, grenzt auch für uns an ein Wunder", lässt Michael Schimanski einen ganz besonderen Moment - auch für das Pflegepersonal seiner Abteilung - Revue passieren. "Wir haben mit zehn Leuten Spalier gestanden, das war schon ein einmaliges Erlebnis. Uns ist es fast ein wenig schwergefallen, ihm Tschüs zu sagen", erzählt der 49-jährige Lauterbacher gerührt, der in seiner über 22-jährigen Eichhof-Zeit noch nicht viele solcher Momente erlebt hat. Dass Hans Ruhl heute gekommen ist, um Danke zu sagen, tue auch dem ganzen Team gut, betont Schimanski. - Während Birgit und Hans Ruhl sichtlich bewegt mit den Tränen kämpfen.

Auch wenn die Erinnerung an drei ganz entscheidende Wochen in seinem Leben fehlt, erinnert er sich noch genau an den 22. März, den Tag, an dem er per Krankenwagen ins Lauterbacher Eichhof-Krankenhaus gekommen war, da ihn ein schlimmer Husten plagte und sein Blutdruck "im Keller" war. "Ich wollte ins Eichhof, weil ich hier gute Erfahrungen gemacht habe", erklärt Hans Ruhl.

Zunächst kommt er - isoliert - auf die normale Station. "Es sah anfangs gar nicht so schlimm aus", erinnert sich der Chefarzt für Innere Medizin und Kardiologie, Tobias Plücker (48), dem in diesen Zeiten das Corona-Krisenmanagement am Krankenhaus obliegt. Dennoch habe sich nach der Testung und anhand des "typischen Lungenröntgenbildes und der Laborwerte" schnell gezeigt, dass dieser Coronafall einen schweren Verlauf nehmen könnte. Was sich in der Folge auch bewahrheiten sollte. Verschattungen auf der Lunge, akute Atemnot und ein bei Virusinfektionen typischer um ein Vielfaches erhöhter Ldh-Wert machen Hans Ruhl schnell zum Fall für die Intensivstation.

"Dass ich mit dem Coronavirus infiziert war, habe ich in dem Moment schon gar nicht mehr mitbekommen", gesteht Hans Ruhl, der bis heute nicht genau weiß, wo er sich infiziert haben könnte. Erinnern kann er sich noch daran, dass er trotz Atemtherapie und Sauerstoffzugabe immer schlechter Luft bekommt und die Ärzte ihm zu einer frühzeitigen künstlichen Beatmung raten. Er stimmt zu und wird ins künstliche Koma verlegt. "Ich durfte nicht mehr zu meinem Mann, wusste aber über alle Schritte Bescheid", erzählt seine Frau Birgit von der schweren Zeit, in der sie Pfleger und Ärzte zu Hause regelmäßig über die Behandlung und den Gesundheitszustand ihres Mannes per Telefon informieren. "Ich wusste, er war in guten Händen, und es wird rund um die Uhr alles für ihn getan. Trotzdem war es für mich kaum auszuhalten", erinnert sie sich unter Tränen.

Hans Ruhls Zustand verschlechtert sich zusehends. "In Situationen wie diesen übernehmen wir praktisch alles für den Patienten", erklärt Michael Schimanski. Der Patient werde gewaschen, künstlich ernährt, regelmäßig bewegt, bekomme täglich Krankengymnastik und seine Vitalfunktionen würden via Monitor ständig überwacht. Marie Schubert ist eine der Schwestern, die Hans Ruhl betreuen und ihre Schichten komplett vermummt in Schutzkleidung auf der Isolierstation verbringen und in der Regel für jeweils zwei Patienten zuständig sind. "Auf dieser Station bleibt man dann auch während der ganzen Schicht, da man sich ja nicht ständig umziehen kann", erzählt Marie Schubert und gesteht, dass diese Art der Pflege keine leichte ist. "Du schwitzt unter der Kleidung, Brille und Schutzmaske drücken...", sagt die Krankenschwester und betont: "Hier bist du ab Schichtbeginn vom Alltag komplett abgeschaltet. Du ziehst die Schutzkleidung an, atmest tief durch, denkst 'jetzt oder nie', gehst durch die Schleuse und bist drin..." Ob sie die ständige Angst vor einer Ansteckung bei ihrer schwierigen Arbeit begleitet? "Du lebst mit der Angst, dich anzustecken, sie komplett zu überwinden, ist schwierig", gesteht die 28-Jährige und betont, dass man auf dieser Station noch viel mehr als sonst auf die Zuarbeit von anderen Kollegen "draußen" angewiesen ist. "Man muss im Team arbeiten", bestätigt Oberärztin Ines Josek (48), für die die Corona bedingten Ausnahmezeiten auch eine Art "Stresstest" fürs ganze Team sind. "Wir sind als Team zusammen gewachsen, unsere Zusammenarbeit hat funktioniert - auf allen Ebenen. Da übernimmst du auch als Arzt mal pflegerische Arbeiten, um die Kollegen zu entlasten."

Bei der Rund-um-die-Uhr-Pflege von Patienten wie Hans Ruhl, dessen Zustand kritisch ist und wellenförmig verläuft. Um seiner Lunge Entlastung zu bringen, wird er auf dem Bauch gelagert. "Rund 16 Stunden am Stück", wie Chefarzt Norbert Sehn (61) erläutert und ergänzt, dass es immer eine der ganz großen Herausforderungen ist, dass beim Umlagern des Patienten keiner der vielen Schläuche "rausrutscht", über die Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Blutdruck gemessen, Medikamente und Flüssigkeit zugeführt oder Körperflüssigkeiten abgeführt werden.

Drei Wochen verbringt der Berfaer so, zwischen Leben und Tod. Nicht gut geht es in dieser Zeit seiner Frau, die ebenfalls mit Corona infiziert ist, aber nur eine leichte Symptomatik aufweist. "Die erste Woche war für mich besonders schwer, weil ich dachte: Was passiert da? Kommt mein Mann überhaupt zurück", sagt sie weinend und gesteht: "Ich habe in der Zeit keine Zeitung mehr gelesen und keine anderen Medien verfolgt. Ich konnte das nicht und wollte einen klaren Kopf behalten. Ich habe mich von Tag zu Tag geschleppt. Zum Glück war ich immer gut informiert, was die Situation mir und auch unseren drei Kindern erleichtert hat."

Der Zustand Hans Ruhls stabilisiert sich - entgegen allen Befürchtungen - allmählich. Nach rund drei Wochen künstlicher Beatmung entschließen sich Sehn und sein Team deshalb, ihn langsam von der Maschine zu entwöhnen. "Phasenweise Ausschalten der Maschine" bedeutet das, wie Sehn erläutert. Normalerweise dauere die Entwöhnung eine Woche, "Hans Ruhl war schneller", resümiert Michael Schimanski lachend. Denn ihr Patient ist nach dem Aufwachen ungeduldig. Trotz schwerem Start zurück ins Leben, will er gleich mehr. "Zunächst habe ich beim Atmen eine gewisse Panik verspürt, dann ging es ganz gut", erinnert sich Ruhl und erzählt, dass er kurz nach dem Aufwachen auch versucht habe, eine WhatsApp an seine Frau zu schreiben. Was ihm allerdings wegen fehlender Feinmotorik zunächst nicht gelungen sei.

Auch Birgit Ruhl erinnert sich ganz genau an diesen Moment am heimischen Mittagstisch. "Es piepste und ich bekam eine Nachricht vom Handy meines Mannes mit einem totalen Buchstaben- und Zahlenwirrwarr. Ich dachte, es ist wie bei 'Nachricht von Sam' aus dem Film Ghost", erzählt sie glücklich und gleichzeitig laufen ihr wieder die Tränen bei der Erinnerung.

"Hans Ruhl wollte unbedingt Fortschritte machen. Er ist ein Vorbild für andere Patienten", resümiert Krankenschwester Marie Schubert.

"Ich hatte schließlich einen festen Termin im Auge", verrät der ehemalige Patient augenzwinkernd, der sich vorgenommen hatte, das Krankenhaus an seinem 43. Hochzeitstag, dem 22. April, zu verlassen...

Was ihm nach dem Verlassen der Intensivstation und seinem rund einwöchigen Aufenthalt auf der Normalstation auch gelingt. "An unserem Hochzeitstag rief er an und sagte zu mir: Frau, ich brauche ein Taxi nach Hause", erzählt Birgit Ruhl, die in dieser Zeit Tagebuch geführt und alle Gedanken, Ängste und Neuigkeiten aus der schweren Zeit akribisch notiert hat. "Auch den Anruf einer Schwester mit dem Hinweis, mein Mann habe gemeckert. Das war für mich ein gutes Zeichen..."

All' das ist inzwischen gut zweieinhalb Wochen her. Was sich seitdem für Hans Ruhl und seine Frau verändert hat? "Ich habe im Krankenhaus rund acht Kilo verloren, vorwiegend Muskelmasse. Ich habe meine Ernährung umgestellt und trainiere jeden Tag das Laufen", erzählt Ruhl und berichtet stolz, gerade jüngst vier Kilometer spazieren gegangen zu sein.

Und er weiß, dass er dem "Tod gerade noch von der Schippe gesprungen" ist. "Ich bin so dankbar und könnte Rotz und Wasser heulen, wenn ich daran denke, wie sich die Leute im Eichhof um mich gekümmert haben." Ob er im Anschluss an seinen Klinikaufenthalt noch eine Reha machen wird, zu der die Ärzte ihm raten, weiß der Rentner, der bis zu seinem Ruhestand Zubehör für Baumaschinen verkauft hat, noch nicht. "Mir geht es doch ziemlich gut..."

Am vergangenen Samstag hat Hans Ruhl seinen 66. Geburtstag feiern dürfen. Mit seiner Frau und der Familie in kleinem Kreis. "Eigentlich ist es ja mein zweiter Geburtstag", sagt er nachdenklich. Die zurückliegenden Wochen haben sein Leben und das seiner Frau verändert. "Was wichtig ist und was nicht, bewerten wir jetzt anders. Wir sind demütiger und dankbarer", sagt Birgit Ruhl. "Ich freue mich über kleine Fortschritte", ergänzt ihr Mann.

Zum Abschied für ihren "unvergesslichen Patienten" stellt sich das Eichhof-Team für ihn am Ausgang der Intensivstation noch einmal auf, so wie an dem Tag, als der scheinbar Todgeweihte sie aufrecht gehend verlassen hat. Erneut ein bewegender Moment für alle. Dann nimmt Hans Ruhl seine Frau ganz fest in den Arm und macht sich wieder auf den Heimweg in sein neu geschenktes Leben. Natürlich nicht mit dem Aufzug, sondern zu Fuß durchs Treppenhaus...

Hintergrund

Die Zahl der Betten, in denen Patienten beatmet oder anderweitig intensivmedizinisch betreut werden können, hat sich am Krankenhaus Eichhof seit Ausbruch des Coronavirus in Deutschland von sechs auf elf Einheiten nahezu verdoppelt. Frühzeitig hatte das Lauterbacher Krankenhaus mit einer eigenen COVID-Station und speziell abgetrennten Bereichen mit Beatmungsbetten auf der Intensivstation auf möglicherweise steigende Fallzahlen im Vogelsberg reagiert. Das Eichhof-Krankenhaus hat seit dem Ausbruch der Pandemie zehn an Covid-19 erkrankte Patienten behandelt. Fünf mussten auf der Intensivstation beatmet werden. Einer davon wurde ins Fuldaer Klinikum verlegt, wo er später verstarb.

Laut Chefarzt Tobias Plücker sind die Verläufe bei den schwer Erkrankten ähnlich: Sie haben meist Husten, hohes Fieber und Luftnot. Weitere Symptome sind der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns und eine Beeinträchtigung des Herzens und des Nervensystems. Schwere Verläufe zeichnen sich durch eine nachhaltige Schädigung der Lunge aus. Für die Behandlung von Covid-19 gibt es keine Medikamente, nur für die oftmals mit ihr einhergehende bakterielle Entzündung.

Bei der Beatmung von schwer kranken Patienten werden diese zunächst in ein künstliches Koma versetzt und dann zunächst per Intubation und Schlauch beatmet. Nach einigen Tagen erfolgt ein Luftröhrenschnitt, um die Patienten wieder zu Bewusstsein kommen zu lassen und sie dann nach und nach vom Beatmungsgerät zu entwöhnen.

Die Beatmung per ECMO-Verfahren (Extra Corporalen Membran Oxygenierung) - per "künstlicher Lunge" - wird am Eichhof-Krankenhaus nicht angeboten. Die gibt es in den "Level-1-Krankenhäusern", zu denen das Klinikum Fulda gehört. Das Klinikum Fulda ist in Hessen eine von sechs Schwerpunktkliniken in Hessen, die die Versorgung von Corona-Patienten für Osthessen koordiniert. Auch für das Eichhof-Krankenhaus, das sich allwöchentlich mit den Fuldaer Kollegen abstimmt.

Mitarbeiter des Krankenhauses haben sich laut Chefarzt Tobias Plücker im Dienst bisher nicht mit Corona infiziert. "Regelmäßig werden sie getestet: bei ungeschütztem Kontakt mit Infizierten - auch im nicht dienstlichen Umfeld; je nach Einzelfallbewertung gelegentlich auch bei Kontakten zu nur Infektionsverdächtigen. Dabei gehen wir über die vom Robert-Koch-Institut vorgeschlagenen Indikationen hinaus. Das RKI teilt Kontakte in verschiedene Risikokategorien ein (Intensität, Dauer des Kontaktes usw.). Wir testen in der Regel auch Kontakte mit niedrigem Risiko."

Um die isolierten Patienten zusätzlich psychisch zu stärken, dürfen sie im Lauterbacher Krankenhaus, wenn sie nicht mehr ansteckend sind, Besuch von ihren Familienangehörigen auf der Intensivstation empfangen.