Patienten immer im Blick

Stippvisite auf der Coronastation des Lauterbacher Eichhof-Krankenhauses.

Die Station 2a ist zur Covid-Station umfunktioniert.

Chefarzt Tobias Plücker (Foto oben links und oben rechts) macht den Schnelltest. Zutritt zur Covid-Station im Eichhof-Krankenhaus haben nur Berechtigte. Krankenpfleger Norbert auf dem Weg ins Zimmer eines Covid Patienten (unten links). Er misst Puls, Blutdruck und Sauerstoffsättigung, die Kollegin notiert die Werte auf dem Flur. Die Reinigungskraft hat keinen leichten Job.

Die Covid-Station im Lauterbacher Eichhof-Krankenhaus ist seit mehreren Wochen voll belegt. Den Pflegekräften verlangt die Betreuung der Patienten einiges ab und erfolgt unter erschwerten Bedingungen. Wie es sich anfühlt, mit Schutzkleidung – in voller Montur – zu arbeiten, was die Pflegeteams auf der Coronastation tagtäglich erwartet und welche Gefühle die Mitarbeiter bewegen? Das wollte ich – zumindest ansatzweise – bei einem Besuch vor Ort herausfinden.

Bevor ich die Station 2a des Krankenhauses betreten darf, die in normalen Zeiten eine internistische Station beherbergt und vor rund drei Wochen zur Isolierstation für Corona-Patienten umfunktioniert wurde, muss ich zunächst zum Test. Zum Corona-Schnelltest. Der Chefarzt für Innere Medizin und Kardiologie, Tobias Plücker, nimmt mich am Krankenhaus-Haupteingang in Empfang und führt mich in die Katakomben des Gebäudes, wo ein Raum für Testungen vorgesehen ist. Bei dem 48-jährigen Mediziner laufen in Sachen Corona im Krankenhaus alle Fäden zusammen. Er gehört dem Krisenstab des Krankenhauses an, der täglich die Situation neu bewertet und entscheidet, ob weitere Aufnahmen von Covid-Patienten möglich sind und inwieweit das normale Tagesgeschäft in den anderen Abteilungen aufrecht erhalten werden kann. Verbindungsmann ist er auch im täglichen Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen der umliegenden Krankenhäuser, die zum sogenannten Versorgungsgebiet 2 in Hessen gehören, in dem das Klinikum Fulda das koordinierende Krankenhaus ist.

Sehr genau nimmt es Tobias Plücker mit der Probenentnahme beim Test, die mir fast die Tränen in die Augen treibt. Aber Genauigkeit muss eben sein. Zwei Minuten Rühren des Teststabes in einer Flüssigkeit ist anschließend angesagt, für die Plückers „Assistentin“ Siri die Zeit angibt. Einige wenige Tropfen der Essenz werden anschließend auf ein Testkit geträufelt, das ein bisschen an einen Schwangerschaftstest erinnert. Und dann heißt es nochmals warten. Exakt 15 Minuten später meldet sich Siri erneut zu Wort, und der rote Streifen in dem kleinen Plastikgehäuse ist da, wo er sein soll. Ich atme auf und fühle mich irgendwie erleichtert, schließlich weiß man ja nie, ob man sich nicht doch irgendwo was eingefangen hat ...

Meinem Besuch auf der Coronastation und dem Kontakt mit dem Pflegeteam steht nichts mehr im Wege. Passend zum Schichtwechsel kurz nach 13 Uhr betrete ich – maskiert und mit einem blauen Einmalkittel mit Bündchen ausstaffiert – die Station 2a. Dass es einem unter dem langen Plastikmantel schnell schön warm werden kann, verspüre ich schon noch wenigen Minuten.

Es ist still auf dem langen Flur der Station, den bunte, selbstgemalte Bilder von Vogelsberger Grundschülern zieren. Die Türen zu den Krankenzimmern sind alle fest verschlossen. Die Teams von Früh- und Spätschicht sind gerade im Mitarbeiterzimmer bei der Übergabe, tauschen die nötigen Informationen über die Patienten aus und besprechen besondere Vorkommnisse des Vormittags. Acht der zwölf Corona-Zimmer sind belegt. In einem ist ein Ehepaar untergebracht, in den übrigen wird jeweils nur ein Patient gepflegt.

Zum dreiköpfigen Team, das heute die Spätschicht bis 21 Uhr bestreitet, gehört Krankenpfleger Norbert, dem ich an diesem Nachmittag ein wenig über die Schulter schauen darf: Beim „Durchgang“ durch die Zimmer, den er mit Krankenschwester Theresa macht, die heute auf der Covid-Station aushilft. „Wir messen bei den Patienten regelmäßig den Blutdruck, den Puls und die Sauerstoffsättigung des Blutes“, erzählt mir Norbert. Um sich beim Betreten der Zimmer nicht mit dem Virus zu infizieren, hat er zuvor weitere Arbeitskleidung angelegt: eine Haube auf den Kopf, Handschuhe, Einmalkittel und ein großes Schutzschild fürs Gesicht. So vermummt tritt er an die Betten und kümmert sich um die Kranken. „Während ich im Zimmer bin, tragen auch die Patienten – wenn möglich – eine Mundnasenbedeckung“, berichtet er, während Theresa im Flur seine Messergebnisse in die Patientenblätter einträgt. Es riecht nach Kaffee und Tee, die auf Servierwagen zur Verteilung bereitstehen. Auch eine Reinigungskraft tritt dick vermummt ihren Dienst an, um den sie sicher nicht zu beneiden ist. Einmal am Tag ist auf der Station eine Grundreinigung mit speziellen Desinfektionsmitteln angesagt. Ob sie Angst hat, ausgerechnet hier ihren Job zu machen?, frage ich sie. Sie schüttelt lächelnd den Kopf und macht sich an ihre Arbeit.

Ob er Angst hat, sich hier zu infizieren? Bei der Frage schüttelt auch Norbert den Kopf: „Nein, Angst habe ich nicht. Nur Respekt“, sagt der Pfleger ernst, der seinen Beruf bereits seit 40 Jahren ausübt und als alter Hase auf Station schon so manches erlebt hat. Und auch seine wesentlich jüngere Kollegin Theresa bestätigt, dass es vor allem darauf ankomme, sich richtig anzuziehen und auf die Desinfektion zu achten. Dann könne eigentlich nichts passieren.

Unaufgeregt gehen die beiden von Zimmer zu Zimmer, nach und nach werden die Patienten nun auch mit Kaffee oder Tee versorgt. Hier und da gibt es ein kurzes Gespräch. „Die Leute sind einsam in ihren Zimmern“, weiß Norbert. Ebenso, dass sich vermeintlich entspannte Situationen von einem Moment auf den nächsten zuspitzen können. Insbesondere, weil aktuell auch hauptsächlich ältere, pflegebedürftige Patienten zu versorgen sind.

„Wir haben die Patienten deshalb ständig im Blick“, sagt der Krankenpfleger. Wenn sich der Zustand eines Patienten verschlechtere, sei sofort ein Arzt zur Stelle, um weitere Maßnahmen zu besprechen. Spezielle Medikamente gegen die Coronainfektion würden bei den „normalen“ Verläufen nicht verabreicht.

Was ihren Kolleginnen und Kollegen auf der Station abverlangt wird, weiß auch die stellvertretende Bereichsleiterin der internistischen Station, Jana Landmann. „Für die Mitarbeiter ist die Situation, auf die sie sich hier einstellen mussten, völlig neu“, sagt Landmann, deren Aufgabe es unter anderem ist, die verschiedenen Schichten mit ausreichend Personal zu besetzen. Immens sei die körperliche Anstrengung, denn den ganzen Tag über in voller Montur Menschen zu pflegen, zu waschen, umzubetten und zu versorgen, sei ein Knochenjob. Hinzu komme, dass es gerade den sehr alten Patienten von einem Moment auf den anderen schlechter gehen könne, was auch eine psychische Belastung fürs Team bedeute.

Zum Dienst auf der Coronastation werde keiner der Mitarbeiter gezwungen. „Wir haben bei der Besetzung gefragt: Wer traut sich das zu?“, erzählt Landmann. Sicherheit gebe den Kollegen auch das neue Testkonzept im Haus, das allen Mitarbeitern, die wollten, jederzeit Corona-Tests anbiete, sagt die Bereichsleiterin, deren persönliche Herausforderung es aktuell ist, trotz personeller Engpässe und krankheitsbedingter Ausfälle die Arbeitsfähigkeit auf den Stationen aufrechtzuerhalten.

Mein Besuch auf der Coronastation währt im Vergleich zur Länge der Schicht nur kurz. Einen Einblick habe ich trotzdem bekommen. Hier wird täglich harte Arbeit geleistet. Viel Zeit für Verschnaufpausen bleiben Norbert und den beiden Kolleginnen in ihrer Spätschicht nicht. Sie sind für die Menschen auf ihrer Station da, die Angst haben, Hilfe brauchen – beim Essen, der Körperpflege ... – und sich in ihrer Isolation über jedes Wort und jede Art der Zuwendung derer freuen, die sich trotz Virus‘ zu ihnen trauen.

Meine Montur habe ich mithilfe Tobias Plückers direkt nach dem Verlassen der Station entsorgt. Ich desinfiziere meine Hände, freue mich auf frische Luft und bin froh, das doch beklemmende Gefühl der letzten Stunden hinter mir zu lassen.

ZAHLEN ...

Seit Beginn der Corona-Pandemie wurden im Lauterbacher Eichhof-Krankenhaus 46 Patienten mit SARS-CoV-2-Befund behandelt. Davon sind inzwischen sechs Patienten im Krankenhaus verstorben, in der Mehrzahl ältere Menschen mit Vorerkrankungen. Außerdem verstarb ein Patient nach einer Verlegung ins Klinikum Fulda, wo er per „künstlicher Lunge“ (ECMO) beatmet worden war. Ein weiterer Patient war rund zwei Wochen nach seiner Entlassung zu Hause verstorben. Das bedeutet für die Krankenhausstatistik, dass 38 Patienten als genesen entlassen wurden.

Aktuell werden acht Patienten auf der Covid-Station behandelt, ein weiterer Coronainfizierter liegt auf der Intensivstation und muss beatmet werden.