Not macht erfinderisch ...

Über 60 hilfsbereite Vogelsberger nähen Mundschutzmasken für Mitarbeiter der Eichhof-Stiftung / Bestellte Masken beschlagnahmt.

Chefarzt Tobias Plücker legt beim Probenähen selber Hand an, unterstützt von Kolleginnen und Kollegen. Fotos: Heiss

Tamara Stöpler hat das Schnittmuster für die Mundschutz-Masken entworfen.

In Lauterbach und Umgebung rattern seit dieser Woche in vielen Häusern die Nähmaschinen auf Hochtouren. Über 60 freiwillige Helferinnen und Helfer nähen in ihrer Freizeit Mund-Nasen-Schutz-Masken für die Lauterbacher Eichhof-Stiftung. Ihr Ziel: sämtliche rund 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung mit jeweils zwei Masken auszustatten, damit die in Corona-Krisenzeiten sowohl für ihr Umfeld – auf Stationen, im Altersheim oder bei den Besuchen der Patienten per ambulantem Pflegedienst – möglichst keine Gefahr darstellen und auch selber – so gut es geht – geschützt sind.

„Die Bereitschaft, uns zu helfen und zu unterstützen, ist groß“, freut sich Marika Heiß, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung zuständig ist. Initiiert hat diese wohl bisher einmalige Aktion das Krankenhaus zusammen mit dem Frischbörner Frauenkreis – dessen Vorsitzende Marika Heiß ebenfalls ist – und der Frischbörner Spinnstube. „Wir sind fleißig am Nähen. Unterstützt werden wir bereits von rund 20 Frauen aus Wallenrod. Und auch Mitarbeiterinnen unseres Hauses sind mit im Boot, die unter anderem 25 Näherinnen in Gemünden-Felda motivieren konnten“, erzählt Heiß.

Die vielen fleißigen Helfer nähen nicht einfach munter drauflos. Sondern streng nach Plan beziehungsweise Schnittmuster, das die Frischbörnerin Tamara Stöpler ausgetüftelt hat – in Kooperation mit der Hygienefachfrau des Krankenhauses, Dagmar Nigge, und Tobias Plücker, dem Kardiologie-Chefarzt und Hygieneverantwortlichen, die beim Entwerfen die Tauglichkeit im medizinischen Alltag begutachtet haben. Die Mund-Nasen-Schutze bestehen aus doppelt vernähtem Baumwollstoff und sind mit einem speziellen Flies versehen, das für die Aufnahme von Feuchtigkeit sorgen soll. Waschbar sind sie bei 60 Grad.

Kreativ und erfinderisch sind die Initiatorinnen, was die Stoffbeschaffung angeht. Verschiedene Quellen haben sie inzwischen aufgetan, um an den passenden Baumwollstoff zu kommen. Bettwäsche und Laken finden dabei ebenso Verwendung wie alte Arztkittel. „Hotel- und Wäschedienste aus der Region unterstützen uns mit Spenden. Darüber hinaus wollen wir auch noch gezielt Webereien ansprechen und um Hilfe bitten“, sagt Marika Heiß. Benötigt würden mindestens rund 2000 Mund-Nasen-Schutz-Masken, um die Mitarbeiter aller Abteilungen und vielleicht auch darüber hinaus Menschen zu versorgen. „Denn je mehr Mundschutzmasken tragen, desto geringer ist das Risiko einer Ansteckung insgesamt“, betont Heiß.

Obgleich die Schutzmasken „handmade im Vogelsberg“ weder zertifiziert sind, noch garantiert zuverlässig vor dem Corona-Virus schützen, ist diese Initiative für Chefarzt Tobias Plücker dennoch wichtig. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass am Donnerstag eine fest eingeplante Lieferung von professionellen Schutzmasken, die das Krankenhaus bei einem Großhändler bestellt hatte, vom Zoll beschlagnahmt wurde. Verfügt laut Erlass der Bundesregierung, nach dem Medizingüter in diesen Krisenzeiten zentral an die Krankenhäuser und Arztpraxen nach Bedarfen verteilt werden sollen.

„Der Bedarf am Lauterbacher Krankenhaus ist groß“, betont Plücker. „Wir haben gerade die letzten Vorräte an Schutzmasken auf die Stationen gegeben.“ Da der dringend benötigte Nachschub ausbleibe, müssten deshalb noch strengere Regeln beim Einsatz der Schutzkleidung und Masken gelten. Obgleich schon seit Wochen ressourcenschonend gearbeitet werde, wie Plücker betont, der die Beschlagnahmung nicht nachvollziehen kann, da die Krankenhäuser von höherer Stelle ausdrücklich aufgefordert gewesen seien, ihre Lieferkanäle zu nutzen.

„Wir benötigen dringend Material, zumal wir inzwischen den vierten Corona-Patienten auf Station haben und wir mehr beatmete Covid-19-Patienten versorgen als beispielsweise das Klinikum Fulda“, gibt der Chefarzt zu bedenken, bei dem in Sachen Corona und Krisenmanagement am Krankenhaus alle Fäden zusammenlaufen. Der Einsatz der Mitarbeiter auf der Intensivstation bei den schwerkranken Fällen bedeute auch einen hohen Verbrauch an Schutzkleidung. Inzwischen suche man sogar schon nach Lösungen, gebrauchte Masken zu sterilisieren, was ein schwieriges Unterfangen sei. Hier stehe man in engem Austausch mit einem Hygienebüro.

Umso wichtiger sei die Ausstattung in diesen Zeiten mit den handgenähten Masken, da die Träger zumindest für ihre Umgebung das Ansteckungsrisiko minimierten. „In diesen Tagen ändern sich die Ansprüche – leider“, wie Plücker betont.

Geschult würden die Mitarbeiter im richtigen Verwenden und Tragen der Masken, die nur an der Halterung angefasst werden dürften. Klar sei natürlich nach wie vor, dass Ärzte und Pflegekräfte auf der Intensiv- und Isolierstation mit professionellen Masken und Schutzanzügen ausgestattet würden. „Sollte das nicht mehr gewährleistet sein, könnten wir keine Corona-Patienten mehr aufnehmen“, gibt der Chefarzt zu bedenken, der auch ausdrücklich weitere hilfsbereite Näherinnen und Näher dazu auffordert, sich im Krankenhaus zu melden, da jede Hand gebraucht werde. „Wer anruft, bekommt per Post Schnittmuster und Stoff“, verspricht der Arzt.

WER KANN HELFEN?

Das Lauterbacher Krankenhaus sucht noch Menschen, die Masken nähen können. Wer Zeit, Lust und eine Nähmaschine hat, kann sich bei Marika Heiß unter 06641/82245 oder heiss(at)eichhof-online.de melden. Des Weiteren bittet das Krankenhaus darum, dass FFP-2-Masken gespendet werden. Wer über solche Masken verfügt und sie nicht dringend benötigt, kann sie am Empfang des Krankenhauses abgeben.