Drei Intensivpfleger berichten: „Am Anfang wurden wir noch beklatscht, dann wurden wir vergessen“

Erfahrungsberichte von der Lauterbacher Intensivstation.

Sie stehen in der Corona-Pandemie direkt an der Front, auf der Intensivstation im Krankenhaus Eichhof in Lauterbach. Drei Intensivpfleger erzählen Anfang Dezember im Protokoll von der zweiten Welle, über ihre Gedanken zu Corona-Leugnern und vom Kampf um Menschenleben.

Michael Schimanski, Pflegerischer Leiter der Intensivstation

„Als Intensivpfleger kennt man sich mit Isolationspatienten aus und weiß, wie man mit solchen Patienten verfahren muss. Als Anfang des Jahres dann die ersten Bilder aus Italien zu sehen waren, mit Pflegern und Ärzten in voller Schutzausrüstung, da hatte ich unglaublichen Respekt vor dem, was uns erwartete. Seit 2001 arbeite ich als Intensivpfleger, auf sowas wie die Corona-Pandemie waren wir nur bedingt vorbereitet – auch auf die Stärke, mit der uns das Virus hier im ländlichen Raum, in unserem kleinen Haus, dann doch getroffen hat. Trotzdem konnten wir durch Schulungen und erhöhten Personaleinsatz auf der Intensivstation die Situation meistern.

Wir haben damals zunächst gedacht: ‚Die Krankheit betrifft die Lunge, Beatmung, – das bekommen wir hin.‘ Aber bei einer Covid-Erkrankung sind alle Organe betroffen, besonders bei den schweren Fällen. Wenn man so lang im Bett liegt und beatmet wird, dann leidet der ganze Körper. Die Muskeln schwinden, die Patienten hatten unglaubliche Schwierigkeiten, überhaupt wieder auf die Füße zu kommen, weil die Motorik und die Sensibilität abnehmen. Sie mussten praktisch das Laufen neu lernen. Wir hatten Menschen, die bis zu 50 Tage auf unserer Station waren. Da waren die Folgeschäden teilweise enorm.

Im Vergleich zu anderen Regionen hatten wir in der ersten Welle insgesamt weniger Corona-Fälle. Aber neben den Covid-Patienten, die eine sehr lange und intensive Betreuung brauchen, geht ja der normale Krankenhausbetrieb weiter. Anders als im Frühjahr wurde der bei der zweiten Welle jetzt nicht zurückgefahren – es gilt also auch, noch andere Patienten zu versorgen. Da fehlt es einfach an der Entlastung der Kliniken. Es ist ein schwieriger Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit, Personalverfügbarkeit sowie Covid-Erkrankten und anderen Patienten. Immer wieder gibt es neue Vorschriften, die umgesetzt werden müssen und gleichzeitig muss man schauen, dass das Personal diese Belastung aushält.

"Das sind Schicksale, die sich dahinter verbergen – ich verstehe nicht, wie man das so ignorieren und verharmlosen kann." - Michael Schimanski


Es gibt derzeit sicherlich sehr viele Menschen auf der Welt, die zum Beispiel in eine finanzielle Schieflage geraten sind, das möchte ich gar nicht schönreden, aber so schwer kranke Menschen zu pflegen und zu behandeln, bringt alle meine Kollegen an ihre Grenzen. Und wenn man dann solche Dinge in Sozialen Medien liest, die die Krankheit verharmlosen, bin ich sehr erschrocken und verärgert. Da liest man unter den Meldungen der aktuellen Zahlen sinngemäß so etwas wie ‚Ach, wieder drei Menschen gestorben, was soll’s’. Das sind Schicksale, die sich dahinter verbergen – ich verstehe nicht, wie man das so ignorieren und verharmlosen kann. Viele Menschen sind dann auch noch in ihrer Meinung sehr festgefahren, da kann man mit Argumenten kommen, sie lassen sich aber nicht überzeugen. Man erreicht sie einfach nicht mehr. Ich erlebe die Krankheit täglich und wünsche sie niemanden. Man darf auch seine Meinung äußern, aber man sollte auch versuchen, Verständnis aufzubringen, anstatt auf Politik oder Menschen mit einer anderen Meinung zu schimpfen und die Pandemie klein zu reden.

Ich hoffe, dass die Pandemie nun zeigt, wie wichtig unsere Arbeit ist, dass wir nicht vergessen werden, wenn es um bessere Gehälter und Wertschätzung für Pflegeberufe geht. Hier im Eichhof haben wir keine Corona-Prämie bekommen, weil wir in der ersten Welle zu wenig Corona-Patienten behandelt haben. Es geht mir nicht um diese eine Prämie, sondern darum, dass auch außerhalb der Pandemie an uns gedacht wird und dass die Perspektiven sich in unserem Berufsstand künftig verbessern. Ich befürchte nämlich, dass nach dieser Pandemie viele Menschen den Beruf verlassen, obwohl es ein toller Beruf ist.

Schon immer kommen Pflegende ständig an ihre Grenzen, immer wieder werden die Gehälter in Pflegeberufen thematisiert, aber nichts ändert sich. An unserem Beruf hängen Menschenleben, wir können nicht einfach streiken, aber mit dem Geld, was wir bekommen, können wir auch die jungen Leute nicht für den Beruf begeistern. Ich finde es schade, dass die Pflege zu wenig wertgeschätzt wird. Unsere Arbeit ist im Bewusstsein vieler Bürger angekommen – aber nicht bei der Politik. Am Anfang wurden wir noch beklatscht, dann wurden wir vergessen und jetzt werden wir bemitleidet. Die nächste Pandemie wird kommen, da bin ich mir sicher. Ich hoffe, dass sich bis dahin etwas verändert hat, vor allem die personelle Situation.“

Barbara Döring, Intensivpflegerin am Eichhof seit 1980

„Der Moment, als der erste Covid-Patient bei uns ankam, den werde ich wohl so schnell nicht vergessen. Das hat uns das erste Mal so richtig vor Augen geführt, dass es los geht und der Ernstfall an die Tür klopft. Man muss sich das so vorstellen: Wir alle kannten die Bilder aus anderen Ländern und dann schwappte das Virus so langsam auch nach Deutschland rüber. Während größere Kliniken um uns herum noch keine Corona-Patienten hatten, hatten wir plötzlich den ersten Patienten auf Station liegen und es wurden noch zwei mehr. Plötzlich war Corona mit voller Macht da. Das war damals nicht beängstigend, wir sind die Arbeit mit schwerkranken Menschen gewöhnt, aber wir waren sehr angespannt. Wir haben vorher viel geübt, hatten Schulungen, und dann galt es das Erlernte abzurufen und in die Praxis umzusetzen.

Das Tragen der kompletten Schutzausrüstung war die größte Herausforderung. Wenn man diese Ausrüstung sechs Stunden lang trägt, ist das wirklich anstrengend. Wenn man in Schutzmontur die Patienten beispielsweise wäscht und gleichzeitig piepst die Beatmungsmaschine, muss man sich einmal um die eigene Achse drehen, um nach der Maschine zu schauen. Das war anfangs sehr ungewohnt, mittlerweile hat man sich etwas daran gewöhnt. Trotzdem ist man nach so einer Schicht schon ziemlich kaputt, das ist sehr anstrengend.

Dann aber kommen ganz schnell, ganz kleine Momente, in denen sich zeigt, dass es sich lohnt: Ein Patient beispielsweise hat die Station laufend verlassen, also er ist wirklich selbst von der Station gelaufen. Das passiert bei schweren Verläufen nicht häufig und vorher haben wir noch gedacht, dass es ein schwerer Weg für ihn wird. Lange Zeit wussten wir nicht, ob er es wirklich schafft.

"Während in den Nachbarländern die Zahlen wieder stiegen, war Corona auch hier plötzlich wieder da, deutlich stärker als vorher." - Barbara Döring


In der ersten Welle sind wir hier im Vogelsberg noch ganz gut weggekommen, jetzt in der zweiten Welle sieht das anders aus. Sie kam und traf uns mit voller Wucht. Ich denke, das liegt daran, weil sich über den Sommer eine Art neue Normalität eingestellt hat. Klar, Corona war noch da, aber nicht mehr so präsent. Man konnte draußen sein, die Ansteckungen gingen runter, alles wurde ein bisschen entspannter. Für uns als Pflegekräfte war das eine wichtige Verschnaufpause – die dann Schlag auf Schlag endete. Während in den Nachbarländern die Zahlen wieder stiegen, war Corona auch hier plötzlich wieder da, deutlich stärker als vorher. Offiziell haben wir sechs Intensivbetten – mit der Option aufzustocken. Diese Betten waren dann schnell mit fünf Covid-Patienten belegt und anders als noch im Frühjahr läuft der normale Betrieb weiter.

Während sich durch den Sommer ein gewisser Gewöhnungseffekt bei den Menschen eingestellt hat, habe ich immer wieder dran denken müssen, dass das Virus im Herbst wiederkommt. Jetzt ist es zurück, aber der Gewöhnungseffekt ist geblieben. Wenn man einkaufen geht, fällt es mir oft auf: Die Menschen gehen sorglos damit um. Da wird nicht mehr allzu sehr an Hygiene gedacht, die Abstände werden oft nicht eingehalten. Es ist gut, dass man einen Weg gefunden hat, mit dem Virus zu leben. Aber man darf trotzdem nicht leichtfertig werden. Es scheint, als könnten viele Menschen die Maßnahmen der Politik nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht hätte sie früher den Teil-Lockdown verschärfen müssen, vielleicht hätte man damit mehr Menschen erreicht, sie eher sensibilisiert. Aber das ist nur eine Spekulation.

Das sind Gedanken, die einem dann nach der Arbeit noch nachhängen. Manchmal fällt es einem leichter abzuschalten, manchmal ist es schwerer – besonders, weil Corona die ganze Gesellschaft betrifft. Ich glaube, in diesem Jahr ist man gedanklich nie ganz Corona-befreit, auch privat nicht.“

Monika Katowski, Intensivpflegerin am Eichhof seit 2016

„Corona betrifft alle Organe: die Lunge, die Nerven, das Herz, die Nieren und besonders die Gefäße. Im März war uns all das nicht bewusst. Damals sind wir davon ausgegangen, dass wir Patienten mit einer schlechten Lunge bekommen, wir dachten, wir müssten die Lunge in den Fokus nehmen. Je länger man mit dem Virus zu tun hatte, desto mehr haben wir dazugelernt. Bei der Behandlung dann eine gewisse Routine zu finden, war lange Zeit nicht möglich, dafür war das Krankheitsbild einfach zu unklar.

Jeder Patient hat anders reagiert, es gab andere Verläufe, unterschiedliche Symptome und auch unterschiedliche Komplikationen, mit denen wir bei der Behandlung konfrontiert wurden. Das hat sich auch jetzt mitten in der zweiten Welle nicht geändert – ich würde sogar sagen, dass die zweite Welle für uns als Intensivpfleger noch anstrengender ist, als die erste Welle, auch wenn wir das Virus an sich ein bisschen besser verstanden haben mittlerweile.

Aktuell ist es so, dass wir nicht mehr diese Patienten haben, die sehr lange bei uns sind, dafür haben wir allerdings leider einige Patienten, die verstorben sind – mit oder an Covid. Wenn man auf der Intensivstation arbeitet, dann hat man es eigentlich immer mit schwerkranken Menschen zu tun, von daher hatte ich kein mulmiges Gefühl an die Arbeit zu gehen. Aber manchmal, wenn ich morgens das Haus verlassen habe, habe ich mich gefragt, ob ich abends wieder nach Hause komme. Wenn man Bilder oder Berichte aus anderen Ländern gesehen hat, wie gefordert das Pflegepersonal und die Ärzte waren, die teilweise viele Stunden am Stück gearbeitet haben und in den Kliniken geschlafen haben. Da habe ich ganz oft darüber nachdenken müssen, wie es weitergeht und ob das bei uns auch zur neuen Normalität wird – und vor allem, wie man das Privatleben damit vereinbaren kann. Wir Pflegekräfte sind ja keine Superhelden, sondern haben auch ein Privatleben außerhalb der Intensivstation.

"Müssen erst die Zahlen noch weiter stark steigen bis sie verstehen, dass es real ist?" - Monika Katowski


Wenn ich dann diese Berichte über Demos sehe, wo Corona-Leugner auftreten, dann frage ich mich immer: Wenn es eine höhere Sterbezahl in Deutschland gibt, macht das Corona anders? Macht es das Virus wirklicher? Muss man erst eine massiv hohe Sterbezahl haben, dass es für die Menschen real ist? Hier in Deutschland darf jeder frei seine Meinung äußern und es soll auch jedem frei stehen, genau dies zu tun. Aber manchmal würde ich die Menschen gerne zu uns auf Station einladen, ihnen die Arbeit hier zeigen und auch die Patienten. Dann würden sie mit eigenen Augen sehen: Das Virus ist da und sie können sich glücklich schätzen, dass es ihnen und den Menschen in ihrer Umgebung gut geht, dass sie gesund sind. Wir haben in den letzten Wochen eine hohe Sterberate gehabt und ich weiß nicht, was die Menschen sehen wollen: Müssen erst die Zahlen noch weiter stark steigen, bis sie verstehen, dass es real ist?

Zwischen all dem sind es dann besonders die kleinen Dinge, die mich sehr glücklich machen. Es klingt banal, aber ich freue mich riesig, wenn Patienten wieder mit ihrem Zeh wackeln können, das ist ein enormer Fortschritt im Kampf gegen Covid. In Zukunft werden wir vermutlich nicht mehr ohne Corona leben, das Virus wird sich einbürgern wie andere Krankheiten. Deshalb würde ich es schön finden, wenn sich irgendwann einmal das Ansehen, die Bezahlung oder aber die Arbeitsbedingungen für unseren Beruf ändert. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.“