Arbeiten am Limit

Nach wie vor hoch ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen im Vogelsbergkreis. Der Lockdown geht in die Verlängerung. Voll belegt ist seit Wochen die Covid-Station des Lauterbacher Eichhof-Krankenhauses, die Mitte Dezember von zwölf auf 24 Betten aufgestockt worden war, um den steigenden Patientenzahlen gerecht zu werden. Im Schnitt werden hier rund 20 Patienten betreut. Hinzu kommen zwischen vier und sechs schwerst kranke Covid-Patienten auf der Intensivstation. Die Pflegekräfte arbeiten am Limit.

Ein schwerkranker Corona-Patient wird auf der Intensivstation des Eichhof-Krankenhauses von zwei Pflegekräften versorgt. Foto: Eichhof-Krankenhaus

„Die Lage ist nach wie vor sehr schwierig“ , erklärt der Chefarzt für Innere Medizin und Kardiologie, Tobias Plücker, der auch Hygienebeauftragter und Leiter des Corona-Krisenstabs des Lauterbacher Krankenhauses ist, der seit Beginn der Pandemie fast täglich tagt. Wenngleich es aktuell keine Coronafälle beim Personal gebe, sei der Krankenstand – saisonal bedingt – trotzdem recht hoch. „Alle Bereichsleitungen schreiben die Dienstpläne täglich neu“, sagen Ramona Eichenauer (59) und Jana Landmann (27), die als Bereichsleiterinnen für die Isolier- und Covid-Station verantwortlich sind. Aber es funktioniere momentan, dass alle Schichten personell ausreichend besetzt werden könnten. „Was zwischenzeitlich nicht immer so war“, erinnert Chefarzt Plücker an die Tage rund um das Weihnachtsfest, als sogar der Hilfseinsatz von Bundeswehrkräften erwogen worden war.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie bedeuten für Ärzte und Pflegekräfte seit fast einem Jahr auch in Lauterbach den Höchsteinsatz für Patienten, der schon manch‘ einen aus der Belegschaft an seine Grenzen gebracht hat. „Wir sind körperliche Arbeit in unserem Beruf gewöhnt, aber die hinzukommende psychische Belastung ist immens“, betonen die Bereichsleiterinnen, die neben ihrer Verwaltungsarbeit auch selber Dienste auf Station machen und immer wieder auch mit Kolleginnen und Kollegen über die Schwierigkeiten sprechen.

Dass Corona zum Dauerbegleiter in ihrem beruflichen Alltag geworden ist, „daran haben wir uns inzwischen gewöhnt“, erklärt Damian Hohmeier. „Am Anfang hatten wir noch die Hoffnung, dass es schnell vorbeigeht“, gesteht der 25-jährige Gesundheits- und Krankenpfleger, der seinen Beruf gerne ausübt, wie er sagt. Angst verspüre er bei seinen Schichten auf der Covid-Station keine. „Ich denke natürlich viel über die Gefahren nach, achte aber strikt auf die Hygiene.“ Im Schnitt betreuen hier drei Pflegekräfte zehn Kranke, zusätzlich unterstützt werden sie von Servicekräften.

Dass der vergleichsweise hohe Personalaufwand sein muss, weiß Jana Landmann. „Die Teams müssen gut aufgestellt sein, denn sie müssen die Patienten nicht nur pflegen, sondern auch gut begleiten“, ergänzt Ramona Eichenauer und betont, dass auch Mitarbeiter anfangs „fürchterliche Angst“ vor dem Virus gehabt hätten. Inzwischen wisse man mehr über das „SARS-CoV-2“, und das Hygieneteam des Krankenhauses habe bei den Schutzmaßnahmen ständig nachjustiert und die Teams hervorragend unterstützt.

Auch wenn die Angst nicht gänzlich verschwunden sei, eine die Teams doch der Wille, das Bestmögliche für die Patienten zu tun. Und insbesondere jene Mitarbeiter, die selber eine Coronainfektion überstanden hätten, wüssten, wie sich die Kranken in ihren Betten fühlten. „Die Pflegekräfte haben einen wahnsinnigen Arbeitsauftrag unter schwersten Bedingungen“, betont die Bereichsleiterin. Die Schutzausrüstung sorge dafür, dass die Mitarbeiter „sacknass – bis in die Schuhe“ – geschwitzt seien, viele hätten wegen der ständigen Desinfektion und dem Handschuhe tragen Probleme mit der Haut. Hinzu kämen die psychische Belastung und das Wissen, dass sie auf Station der alleinige Ansprechpartner für die isolierten Patienten seien. „Sie können zwar telefonieren und fernsehen, aber viele haben Angst, sind einsam und freuen sich über jedes kurze Gespräch“, weiß Krankenpfleger Damian Hohmeier. Dass viele ältere Menschen in den zurückliegenden Wochen auf seiner Station verstorben sind, empfindet der 25-Jährige als Belastung. Das Abschalten nach Dienstschluss gelinge ihm auf dem heimischen Bauernhof.

„Für uns gehört der Umgang mit dem Tod zwar zum Beruf dazu, aber in der Häufung nicht“, sagt Michael Schimanski, Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie, der die pflegerische Leitung der Intensivstation innehat. Fünf der sechs für Covid-Patienten vorgesehenen Betten auf der Intensivstation sind aktuell mit schwerkranken Patienten belegt, die mehrheitlich beatmet werden müssen, wie der 50-Jährige berichtet. Fünf weitere Betten sind für andere Intensivpatienten vorgesehen. „Zurzeit verzeichnen wir einen hohen Durchlauf“, erzählt Schimanski, die Patienten seien unterschiedlichen Alters und bedürften einer extrem aufwendigen Pflege. Bei ganz schweren Verläufen würden sie in die Bauchlage gebracht, um die Lunge zu entlasten. 30 Leute gehören zu seinem Team, für das die Tageszeit hinsichtlich der Arbeitsbelastung keinen Unterschied mache, da die Covid-Patienten rund um die Uhr der Pflege bedürften und nie aus den Augen gelassen würden.

Ein Ende der extremen Arbeitsbelastung ist für Schimanski und seine Leute nicht in Sicht. „Die Zahlen bleiben hoch, wie sich die Mutation des Virus auswirken wird, wissen wir noch nicht“, gibt Chefarzt Tobias Plücker zu bedenken. Kürzer und härter seien die Krankheitsverläufe zu Beginn der zweiten Coronawelle verlaufen. Doch das ändere sich gerade wieder. Die Verläufe würden wieder länger, denn gerade in den Wintermonaten sei die Intensität und Häufung der Viren – durch Kälte und trockene Schleimhäute – um ein Vielfaches höher.

Wie einsam die Corona-Patienten gerade auch auf der Intensivstation sind, weiß auch Michael Schimanski aus eigener Erfahrung. Insbesondere für die Schwerstkranken ohne Heilungschance sei das eine ausweglose, traurige Situation, mit der auch die Pfleger umgehen müssten. „Sterben gehört zu unserer Arbeit auf der Intensivstation dazu. Aber das, was wir jetzt erleben, ist ein anderes Sterben. Die Menschen hier sterben einsam und allein. In normalen Zeiten stehen den Patienten am Ende ihres Lebens Angehörige oder auch Freunde zur Seite. Und jetzt sehen sie in all ihrer Angst und Einsamkeit nur Pflegekräfte in voller Schutzmontur“, bedauert der Intensivpfleger. Auch, dass er und sein Team ihre Arbeit wegen der Maske und des Schutzschildes ohne Mimik und Gestik erledigen müssten, was die Situation für die Kranken zusätzlich erschwere, denen sie noch nicht einmal ein Lächeln schenken könnten. Der Satz eines alten Mannes hat sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt: „Der blaue Engel kommt“, hatte der zu ihm gesagt, kurz bevor er starb. Solche Momente tun weh, Routine gibt es für sie nicht.

Was diese Dauerbelastung mit noch offenem Ende mit den Mitarbeitern macht? „Wir wissen nicht, wie sich die permanente Überforderung auswirkt“, sagt Ramona Eichenauer, befürchtet aber „Nacherkrankungen im Team“.

Auch Michael Schimanski ist nicht optimistisch gestimmt. „Ich fürchte, dass viele der Pflege den Rücken kehren werden“, sagt der Pfleger, der seinen Beruf liebt. Dem Berufsstand fehle nach wie vor die nötige Anerkennung. Außer Klatschen und guten Worten sei nicht viel bei den Kolleginnen und Kollegen angekommen. Dabei gehe es nicht in erster Linie ums Geld, auch wenn die Bezahlung gerade bei den Einstiegsgehältern besser sein könnte, wie Ramona Eichenauer findet. Vielmehr gehe es auch um eine stärkere Entlastung durch mehr Personal. Was mehr Zeit und eine bessere Pflege für die Patienten und in der Folge auch eine höhere Zufriedenheit auf beiden Seiten bedeuten würde.

Als Kritik am eigenen Haus wollen Eichenauer und Schimanski ihre grundsätzlichen Forderungen in der aktuellen Situation nicht verstanden wissen, im Gegenteil: „Wir bedanken uns ausdrücklich bei der Geschäftsleitung, die die Teams mit Honorarkräften unterstützt hat, um die Patientenversorgung zu sichern. Damit ist die Arbeit der Pflege enorm wertgeschätzt worden.“

Leben und arbeiten mit Covid müssen die Pflegekräfte des Krankenhauses weiterhin. Impfungen stehen am Eichhof-Krankenhaus wegen der bekanntlich knappen Ressourcen aktuell zunächst nur fürs medizinische Personal von Covid- und Intensiv-Station sowie der Notaufnahme an. „Die Impfbereitschaft ist hoch“, betont Chefarzt Tobias Plücker, der, ebenso wie Michael Schimanski und Damian Hohmeier, seine beiden Piekse vom mobilen Impfteam im Krankenhaus schon bekommen hat.

Ansonsten hoffen sie auf die Wirkung des noch einmal verschärften Lockdowns und die Vernunft in der Bevölkerung: „Jeder, der sich nicht an die Regeln hält, ist respektlos und grausam gegenüber uns in der Pflege Tätigen und allen anderen Menschen, die sich an die Vorgaben halten“, findet Ramona Eichenauer klare Worte und betont: „Uns wächst die Maske schon im Gesicht fest, und andere finden sie überflüssig. Das kann ja wohl nicht sein...“

„Der gesunde Menschenverstand muss walten, sich an die Spielregeln halten, ist doch wirklich nicht zu viel verlangt. Auch wer vermeintlich gesund ist, kann trotzdem andere anstecken“, gibt Michael Schimanski zu bedenken. Für Chefarzt Tobias Plücker gibt es trotz aktuell nicht weiter steigender Infektionszahlen noch lange keine Entwarnung. Er prognostiziert: „Mindestens drei Monate wird uns die Infektionslage in der Intensität noch beschäftigen.“

ZAHLEN

Rund 155 Covid-Patienten wurden im Lauterbacher Eichhof-Krankenhaus seit Beginn der Pandemie auf Station behandelt. Laut Chefarzt Tobias Plücker etwa zwischen 30 und 40 aus anderen Landkreisen. In der Hauptsache aus dem Main-Kinzig-Kreis, dem Schwalm-Eder-Kreis und dem Landkreis Fulda. Einige Schwerkranke wurden aus dem Rhein-Main-Gebiet (Frankfurt und Offenbach) übernommen. Wie Plücker erläutert, gab es auch Übernahmen von Nicht-Covid-Patienten von dort, weil die Kapazität für normale Intensivbetten erschöpft war.

Im Lauterbacher Krankenhaus sind bisher 28 Patienten an oder mit Covid 19 verstorben. Nicht eingerechnet sind in die Zahl zwei zur ECMO (Lungenersatztherapie) verlegten Patienten, die dann in anderen Krankenhäusern verstorben sind.