Es ist eine Erinnerung, die mehr als 30 Jahre zurückliegt. Olga Kappel war 5 Jahre alt, als sie sich an einem Bügeleisen den Arm schwer verbrannte. Ein Arzt kam zu ihr nach Hause, versorgte die Verletzung mit einer Salbe – und die Schmerzen ließen nach. Für die Romröderin war das ein prägender Moment. „Das hat mich total fasziniert“, sagt sie heute. Seitdem wusste sie: Sie möchte Ärztin werden. „Menschen zu helfen, das ist, was mich bis heute motiviert.“
“Menschen zu helfen, das ist, was mich bis heute motiviert.”
Assistenzärztin Olga Kappel
Heute ist die 38-Jährige ihrem Kindheitstraum ganz nah. Seit gut einem Jahr arbeitet sie als Assistenzärztin in der Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin. Aktuell durchläuft sie im Eichhof-Krankenhaus in Lauterbach verschiedene Stationen, nachdem sie bereits neun Monate in der Hausarztpraxis Harlfinger in Romrod gearbeitet hat. Später möchte sie selbst als Hausärztin arbeiten – am liebsten in ihrer Heimat Romrod.
Bis dahin war es allerdings ein langer Weg. Nach ihrem Abitur im Jahr 2007 wartete sie zehn Jahre lang auf einen Studienplatz für Medizin. Die Zeit nutzte sie für eine Ausbildung zur OP-Schwester an den Universitätskliniken in Gießen und Marburg. „Das hat mir super viel Spaß gemacht“, sagt sie.
Ihren eigentlichen Traum verlor sie dennoch nie aus den Augen. Immer wieder bewarb sie sich für das Medizinstudium. Als zwischenzeitlich die Familienplanung wichtiger wurde, schien das Kapitel zunächst abgeschlossen. Doch kurz vor ihrem 30. Geburtstag wagte sie einen letzten Versuch. Dieses Mal mit Erfolg: Sie erhielt einen Studienplatz an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Während des Studiums wurde für sie immer deutlicher, wohin ihr Weg führen sollte. Zwar kannte sie den Klinikalltag bereits aus ihrer Zeit als OP-Schwester, doch ein Praktikum in der Hausarztpraxis Harlfinger bestärkte sie in ihrem Wunsch, Allgemeinmedizinerin zu werden.
„Es ist viel persönlicher“, sagt sie. Gerade die langfristige Begleitung der Patientinnen und Patienten habe sie begeistert. Oft kenne man ganze Familien und begleite Menschen über Generationen hinweg. „Man hat das Gefühl, man bewirkt mehr.“ Hinzu kommt für die Mutter ein weiterer Aspekt: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Ich sehe mich mit 50 nicht mehr nachts im OP stehen“, sagt sie. Die Allgemeinmedizin passe für sie deutlich besser zum Familienleben.
In dieser Zeit wurde sie auch auf das Stipendienprogramm „Medizin+“ des Vogelsbergkreises aufmerksam. Die finanzielle Unterstützung sei für ihre Familie natürlich hilfreich gewesen, erzählt sie. Mindestens genauso wichtig sei für sie aber gewesen, dass das Stipendium früh eine Orientierung gegeben habe. „Im Medizinstudium stehen einem viele Türen offen. Man kann später überall arbeiten. Das kann auch überfordern.“ Die Verpflichtung, später im Vogelsberg tätig zu sein, habe sie deshalb nie als Einschränkung empfunden. „Für mich war das sogar willkommen.“
Ohnehin war für sie und ihren Mann schon früh klar, dass sie auf dem Land leben möchten. In Romrod bauten sie ein Haus und schufen dort ihren Lebensmittelpunkt. Dass sie später einmal in ihrer Heimat arbeiten würde, passte deshalb von Anfang an zu ihren Plänen.
Seit einem Jahr arbeitet sie nun schon als Assistenzärztin in der Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin. Gleichzeitig beschäftigt sie die Entwicklung im Gesundheitswesen zunehmend. Aus ihrer Sicht liegt das Problem nicht nur im Mangel an Ärztinnen und Ärzten, sondern auch darin, dass viele später nicht in der direkten Patientenversorgung bleiben. „Wir haben insgesamt zu wenig Mediziner, die in der Patientenversorgung bleiben“, sagt sie.
Viele wechselten schon nach dem Studium oder im Laufe ihrer Karriere in andere Bereiche, etwa zu Krankenkassen oder in die Pharmaindustrie. Für die Versorgung vor Ort habe das spürbare Folgen. Auch die Belastung in Kliniken und Praxen nehme weiter zu. „Das System muss sich ändern“, sagt sie. Während ihrer Zeit als OP-Schwester habe sie diesen Gesamtzusammenhang noch nicht so wahrgenommen. Erst im Studium und in der Weiterbildung sei ihr deutlich geworden, wie hoch die Arbeitsdichte tatsächlich sei und wie viele Patientinnen und Patienten täglich versorgt werden müssten. „Die Anzahl ist der Wahnsinn.“
Trotz dieser Entwicklungen ist für die Romröderin klar, wohin ihr Weg führen soll. Eine eigene Praxis kann sie sich gut vorstellen – allerdings nicht allein. „Ich bin ein Teamplayer“, sagt sie. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen sei ihr wichtig. Eine Gemeinschaftspraxis wäre für sie daher die bevorzugte Form.
Und auch der Blick in die Zukunft ist konkret: In zehn Jahren möchte sie vor allem eines sein – Hausärztin in ihrer Heimat.
Medizin+
Mit dem Stipendienprogramm „Medizin+“ unterstützt der Vogelsbergkreis seit 2016 Medizinstudierende und möchte damit Nachwuchs für die ärztliche Versorgung in der Region gewinnen. Insgesamt wurden bislang 14 Stipendien vergeben. Ein ehemaliger Stipendiat hat inzwischen eine eigene Hausarztpraxis im Vogelsberg eröffnet. Acht Stipendiatinnen und Stipendiaten befinden sich aktuell in der Facharztweiterbildung im Kreis, fünf weitere studieren noch.
Das Interesse am Programm ist nach Angaben des Kreises weiterhin stabil. Im Schnitt gehen ein bis zwei Bewerbungen pro Jahr ein – bislang konnten alle gefördert werden, die die Voraussetzungen erfüllen. Ursprünglich war „Medizin+“ vor allem für die hausärztliche Versorgung gedacht, wurde inzwischen aber auf alle Fachrichtungen der unmittelbaren Patientenversorgung ausgeweitet. Dadurch müssen sich Studierende zu Beginn ihres Studiums noch nicht festlegen, was das Programm attraktiver gemacht habe.
Insgesamt bewertet der Vogelsbergkreis das Stipendium als erfolgreiches Instrument zur Nachwuchsgewinnung für die Region. Es habe bereits dazu beigetragen, dass eine neue Hausarztpraxis eröffnet wurde. Viele der Stipendiatinnen und Stipendiaten absolvieren zudem ihre Facharztweiterbildung im Kreis und sind damit schon heute in der ärztlichen Versorgung tätig. Gleichzeitig bestehen Kontakte zwischen Praxen, die in den kommenden Jahren eine Nachfolge suchen, und den geförderten Nachwuchsmedizinerinnen und -medizinern.
